Martin Stockburger

Digital aber herzlich - das Hotel von morgen

Et bliev nix wie et wor. Das ist nicht nur eine Regel des Kölschen Grundgesetzes, sondern es beschreibt sehr treffend die Hotelvision von Martin Stockburger. Es bedeutet „Sei offen für Neuerungen“. Mit seinen Ideen krempelt er das Hotelgewerbe um und entwickelt das „Hotel von morgen“. Wie es dazu kam, was ein Hotelseifenmeeting, ein Karnevalsverein und ein paar Nonnen damit zu tun haben, das hat uns der Gründer erzählt.

Martin hat eine klassische Hotelkarriere absolviert und war zuletzt Teil der Führungsebene einer luxuriösen Hotelfamilie. In wöchentlichen Meetings war der knapp Vierzigjährige umgeben von einer Herrenrunde, die sich auch ohne lange Wartezeit in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden könnte. „Es gab da mal ein Meeting, da brauchten wir eine neue Seife für die Hotels und es lagen Musterungen aus. Ich habe dann gesagt: Nee, die riecht nach alten Männern. Zwei der Herren schauten mich an und ich bin mir sicher, dass sie auch privat diese Seife benutzen. Schweigen. Und dann merkst du: du bist hier falsch.“ Das Altbewährte wurde stets kultiviert, aber niemand fragte sich in der Runde: „Wie stellt man sich den Herausforderungen der Zeit? Wo bekommt man Mitarbeiter her? Wie halten wir sie? Wie können wir sie überzeugen, dass die doofen Arbeitszeiten doch ganz wunderbar sind?“, erinnert er sich. Also im sicheren Job bleiben und die Füße stillhalten? Oder doch lieber etwas bewegen?

Und wie so oft im Leben ist es ein Zufall, der den Stein ins Rollen bringt. Er ist Mitglied in einem Karnevalsverein und genau dort fällt der Satz: „Ja, die heiligen Schwestern verkaufen ihr Ordenshaus. Wollen wir da ein Hotel reinmachen?“ Bähm! Zuerst wollte er nur unterstützend dabei sein und dann wurde aus diesem Zufall ein Geschäftsmodell. „Ich habe diese Idee einer digitalen, nachhaltigen Hotellerie realisiert und es wurde uns förmlich aus den Händen gerissen. Wir waren mehr oder weniger vom ersten Tag an ausgebucht.“ Was bei der Entwicklung sicherlich geholfen hat: Er konnte das Konzept ohne Druck erarbeiten. Er musste keine Geldgeber oder Banken überzeugen. Das war eher ein Hobby nach Feierabend. Und er war damit so erfolgreich, dass er sich von seiner alten Karriere verabschieden konnte.

Und das erste Haus war dieses ehemalige Schwesternwohnheim. Mitten in Köln. Traumlage. Wegen seiner Größe eher uninteressant für größere Ketten. Aber ein idealer Spielplatz für Martins Traum. Zwei Jahre lang dauerte das Hin und Her mit dem Bauordnungsamt. Es war vieles zu neu für die Beamten. Mit dem Vermerk „Sie haben die Rezeption vergessen“ kam der Bauantrag das erste Mal zurück, viele Runden folgten.

Aber nicht nur die fehlende Rezeption macht sein Konzept so besonders. „In der konservativen Hotellerie gibt es für benachteiligte Menschen kaum vernünftige Jobs“, sagt er. Das wollte er ändern. Genau wie folgende Diskrepanz: „70 Prozent der Lehrlinge sind Frauen, gefühlt 100 Prozent der Direktoren sind Männer. Warum ist das so? Ja, weil die Frauen Kinder bekommen und dann nicht mehr 15 Stunden arbeiten können. Die konservative Hotellerie ist ein zutiefst menschenunfreundliches Arbeitsumfeld“, bringt er es auf den Punkt.

Aber was macht er jetzt anders? Er stellt besondere Menschen ein, die in ihren Jobs aufblühen und er setzt auf Nachhaltigkeit. „Von Anfang an stand fest, dass wir mit einer Behindertenwerkstatt zusammenarbeiten, unser Toilettenpapier soll Wasserprojekte unterstützen und die Pflegeprodukte müssen nachhaltig sein“, sagt er rückblickend. „All die anderen Dinge, die heute die Marke ausmachen, wurden danach noch erarbeitet.“ Und was ist das Revolutionäre? Die Abläufe sind voll digitalisiert. Von der Buchung über die Zimmerschlüssel bis zur Abrechnung. Alles wird mit Hilfe einer hoteleigenen App erledigt. In den einzelnen Hotels arbeiten maximal sechs Mitarbeiter. Oft auch weniger. In Köln im „Koncept Hotel zum kostbaren Blut“ ist z. B. niemand vor Ort. Eine Mitarbeiterin kümmert sich im Hintergrund um den Back-up, falls doch mal etwas nicht funktioniert. Es ist die Mischung aus „Air BnB“-Feeling, Mikrohotel und vollständiger Digitalisierung, die die Gäste anspricht.

Natürlich gab es auch Startschwierigkeiten mit dem digitalen Konzept. Mit einem Netz aus wenigen Mitarbeitern, Family und Friends wurden diese aber mal holpernd, mal unauffällig aus der Welt geschafft. Vieles wurde manuell überbrückt bis das System reibungslos lief. Anfangs wurden die Ersatzschlüssel für die Gäste auch mal an der Pommesbude nebenan hinterlegt. Und dieser Spirit hat ihn auch durch die Lockdown-Phase gebracht. Bevor Corona auf der Bildfläche erschien, hatte er nie den Schritt in die Selbstständigkeit bereut. Auch wenn sein eigenes Haus als Sicherheit für die mittlerweile sechs Hotels herhalten muss. Aber Corona änderte das. Sofort alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken? Nein, das entscheidet er individuell. Die Sozialprojekte auf Eis legen? Nein! Aber diese Machtlosigkeit und die laufenden Kosten sind ein nahrhafter Boden für Existenzängste. Es ist ihm klar, dass er alles in Bewegung setzen muss, um die versprochenen Finanzmittel zu beantragen und auch zu bekommen. Und wieder kann er auf die Mitglieder des Karnevalsvereins zählen. Er ruft jeden an, der irgendwie helfen könnte. Und sie helfen. „Da gab es ein, zwei Business-Angels, die für uns Anträge ausgefüllt haben“, sagt er dankbar. Und parallel initiiert er eine Crowdfunding-Kampagne. „Es war so wertvoll zu sehen, wer sich für uns stark macht“, sagt er bewegt. Von ehemaligen Klassenkameraden bis hin zum Patenonkel, der eine kleine Rente hat. Das hat ihn und sein Team motiviert durchzuhalten.

Und er hat große Pläne: „Wir haben uns in den Pandemie-Wochen hingesetzt und ein blitzsauberes Franchisekonzept aufgebaut. Um diesen ganzen Hotels, die eigentlich keine Zukunftsperspektive mehr haben, durch unsere Mechanik der Digitalisierung zu helfen. Aber nur, wenn sie dabei auch die Nachhaltigkeitspunkte umsetzen. Mein Traum ist nicht bei sechs Hotels zu Ende, auch nicht bei zehn, sondern erst, wenn wir sagen: Ganz Gallien ist von den Römern besetzt – und vorher nicht!“

Interview: Caroline Pusch
Fotos: Deniz Saylan